Schlagwort-Archiv: Urban

In der Ordnung

Perspektivenwechsel

Stadtbummel

Colorcodes – Ausstellung mit der AdHoc Gruppe

 

Im November 2014 habe ich diese Arbeit mit dem Titel „Stadtfarben“ im Kunstraum Scheidt`sche Hallen in Essen Kettwig gezeigt. Die Gruppe AdHoc hat ein Jahr zu dem Thema Farbe gearbeitet, und dies ist mein Ergebnis.

 

Vor die Tür gesetzt – Artisten

Florartistik

Wir haben den Boden unter uns verloren
Wir mögen das Abenteuer

Wir hängen in der Luft
Wir wissen, was wir wollen

Wir lieben eine Erfrischung
Wir wachsen über uns hinaus

Wir ziehen uns gleich an
Wir arbeiten synchron

Wir bewegen uns im Wind
Wir bewegen uns zur Sonne

Wir werden bewundert
Wir werden geliebt

Wir sind uns der Gefahr bewusst
Wir können sterben

Wir sind Überlebenskünstler
Wir sind Artisten auf dem Trapez

Carina Gerstengabe

 

Mut

Verstohlen mustert die kleine gelbe Pflanze die anderen, viel größeren und älter wirkenden Pflanzen. Aufgeregt ruckelt sie in ihrem dunkelbraunen Blumenkasten herum. Rutscht vor, wieder ein Stück zurück. Vor, zurück, vor und wieder zurück. Dieses Szenario geht über mehrere Minuten lang. Irgendwann ein genervtes Stöhnen von der Seite. „Meeein Gott“, scheint die sich zu ihrer Linken befindenden Pflanze sagen zu wollen. „Entspann dich!! Es geht doch nur um eine Anmeldung“. Die kleine Gelbe schüttelt empört ihren Blütenkopf, kann diese Unwissenheit kaum glauben. Denn hier geht es nicht nur um IRGENDEINE Anmeldung. Hinter der großen und fast schon bedrohlich wirkenden Tür findet DIE Anmeldungen statt. Denn: In drei Wochen ist es endlich soweit. Dann findet sie statt: die große Artistik-Show. Schon seit Wochen, nein, bereits seit Monaten, bereitet sich das knallgelbe Ding auf diesen Moment vor. Das wird ihr Tag, die anderen Blümchen werden vor Neid erblassen, sie für ihren artistischen Mut, die hervorragende Idee, die Leichtigkeit ihrer Show-Einlage bewundern und bejubeln. Sie wird DER Star des Abends sein. Diese Worte murmelt sie immer wieder vor sich her, vorallem, um sich selber zu beruhigen. Denn vielleicht ertönt statt Applaus auch eher ein lautes Buuuuh aus der Zuschauermenge. Und was passiert, wenn sie stürzt, sich am Blütenstengel verletzt? Wenn ihr die zarten Blüten abbrechen. Was für eine Blamage! Dann ist er vorbei, der große Traum! „Nein, das wird nicht passieren“, flüstert sie ganz leise vor sich hin. „Du machst das jetzt einfach, öffnest die Tür, spazierst selbstbewusst den langen Flur entlang und setzt deinen Namen auf das Anmeldeformular. Los! Ab gehts!“ Doch die aufmunternden Worte verfehlen ihre Wirkung… Still und eingeschüchtert, wütend auf sich selbst, bleibt sie an ihrem Platz. Doch kurz bevor sie wieder zurück in ihren kleinen Vorstadt-Garten schleichen kann, mit hängenden Kopf, ertönt ein Zischen von rechts: „Pass auf, du Angsthase! Wir ziehen das jetzt gemeinsam durch. Bei drei rutschen wir hier am Geländer herunter. Wir alle gemeinsam — und dann bewegst du dich an die Rezeption und meldest dich an, keine Widerrede! Eins, zweeeeeeei uuuund dreeeeeeei!“ Bevor die sonnengelbe Pflanze es sich anders überlegen kann, schubst sie der linke Strauch an, und sie rutscht in einem Affentempo das Geländer herunter, landet genau vor der jetzt riesig-wirkenden Tür. Sie atmet tief durch, öffnet sie und schreitet voran…

Lisa Rosanski

 

Vor die Tür gesetzt – Hochstapler

 

GO WEST!

“Nur noch ein kleines Stück! Ein winziger Zentimeter!” Aufgeregt schüttelte Bäumchen seine kleinen vertrockneten Blätter und bohrte die dünnen Wurzeln noch tiefer in die ausgelaugte Erde. “Nicht so fest!”, grummelte Blumentopf und kniff Bäumchen in die Füße. “Hört auf zu streiten”, ermahnte Steinklotz seine beiden Weggefährten. Doch wer den alten Griesgram ein wenig kannte, der hörte in seiner Stimme ein ungewohntes Zittern: Nach all den Jahren schien das Paradies zum Greifen nahe …

Unzählige Jahre waren vergangen, seitdem sich Steinklotz, Blumentopf und Bäumchen auf dem grauen Asphalt getroffen hatten. Drei verlorene Seelen auf endloser Wanderschaft, vom Schicksal zusammengeführt: Einsam, entwurzelt und vertrieben, auf der Suche nach einer Heimat jenseits des Halteverbots – und auf der verzweifelten Flucht vor den allpräsenten Verbotsschildern, die ihnen ein Leben in angstvoller Ruhelosigkeit bescherten. „Irgendwo, im Westen“, erzählte Steinklotz, „dort soll es ein Schild geben, das stärker ist als sie alle! Das Schild der Hoffnung, unter dem Klötze, Kübel und Kameraden sich zur Ruhe betten können und ein neues Zuhause finden!“ In jener lauen Sommernacht schmiedeten die drei einen Plan: „Lasst uns zusammen weitergehen und nach dem König der Schilder suchen!”

Nicht eher wollten sie rasten, bis sie das Schild der Befreiung erreicht hatten. Sonnenglut, Eis und Sturm konnten sie nicht aufhalten: Millimeter für Millimeter kämpfte sich das ungleiche Trio den unbarmherzigen Asphalt entlang; watete durch tiefe Pfützen und umschiffte heldenhaft jede Baustelle. Schon längst waren aus den Verbündeten enge Freunde geworden: Sobald einer nicht mehr weiterkonnte, wurde er von den anderen getragen. Nach Jahren der Wanderung war ihre Kraft nun schon fast am Ende – doch plötzlich, eines Morgens, funkelte ein Silberstreif am Horizont. „Ich kann es sehen! Und es ist wunderschön“, rief Blumentopf und riss seine Gefährten aus ihrer Lethargie. Nun sah es auch Steinklotz: Ein fernes Glitzern in der Morgensonne. Der Könige der Schilder? Oder doch nur eine Fata Morgana …?

Hunger, Durst und Müdigkeit waren verflogen. „Nur noch ein kleines Stück“, sagte Bäumchen, das es sich ganz oben auf dem Ausguck bequem gemacht hatte. „Sieh nur, ich mache mich auch ganz leicht!“ Mit einem letzten Akt der Anstrengung sammelte Steinklotz alle Kraft, die seinem alten Körper noch innewohnte. Ächzend trotzte er ein letztes Mal der bleiernen Schwerkraft – und streift mit einem dumpfen Klacken, das einem triumphalen Freudenschrei gleichkam, mit einer moosbewachsenen Ecke das kühle Metall des Schildes. Ein tiefer Seufzer der Erleichterung entfuhr dem grauen Kasten, während Blumentopf auf seinem Rücken einen kleinen übermutigen Luftsprung machte. Das Bäumchen klang wieder so jung wie damals, als ihre gemeinsame Reise begann: “Endlich, Freunde! Endlich sind wir angekommen!“

Wiebke Leßmann

 

Vor die Tür gesetzt – Langschläfer

FRÜHLINGSERWACHEN

Laue Lüfte, Sonnenstrahlen
dringen durch des Winters Schild
zeichnen nun auf Wald und Wiese
zaghaft schon des Frühlings Bild.

Doch im Topfe, wohlbehütet,
schlummert noch des Menschen Pracht.
Ist vom frühlingshaften Treiben
bislang noch nicht aufgewacht.

Während Bäume, Blumen, Tiere
schmücken nun die grüne Flur
ist der müde kleine Schläfer
seinen Träumen auf der Spur.

Alles Rufen, alles Necken
bringt den Topf nicht aus der Ruh‘.
Macht nach einem kurzen Blinzeln
wieder seine Augen zu.

Und mit schläfrig-zarter Stimme
ruft er in das grüne Tal.
„Lasst mich schlummern, noch ein wenig.
Weckt mich später noch einmal!“

Wiebke Leßmann

 

Einst zierte ich Bennys kleine Studentenbude, dann zog ich mit ihm um in eine großzügigere Bleibe. Ich wuchs, ich schälte mich, streckte jubelnd meine Blätter aus. Alsbald wurde mir mein alter Topf zu eng, ich drohte zu sterben. Bennys damalige Freundin Kerstin erbarmte sich meiner, ergriff mich beim Schopfe und wuchtete mich in dieses schwarze Ungetüm. Da saß ich nun fest, Benny schüttelte den Kopf und verwies mich der Wohnung. Ungeliebt fristete ich meine Zeit auf seiner Terrasse – hin und wieder leistete mir ein ausrangierter Christbaum Gesellschaft.

Dann kam der Tag, der alles änderte. Benny zog wieder um. Sollte nun ein neues Leben beginnen, eine zweite Chance? Starke Umzugshelferhände packten mich und… setzten mich im Vorgarten ab. Der Umzugswagen fuhr davon, ohne mich. Vorhin spazierte eine junge Frau vorbei, betrachtete mich interessiert, wiegte den Kopf nachdenklich hin und her. Dann lächelte sie und ich hörte, wie sie in ihr Handy etwas von einem Fahrrad sagte, das sie bräuchte, um eine Pflanze zu transportieren. In stillem Jubel strömt mein grünes Blut durch meine Blätter. Endlich bekomme ich meine zweite Chance.

Britta Matten

 

Vor die Tür gesetzt – Wächter

Nein, ich trau mich nicht. Zu hoch, zu steil, zu weit. Und ob ich fliege, das kann mir keiner garantieren. Obwohl, ständig hier oben herumzulungern und über das Fliegen nachzudenken, das kann doch auf Dauer nicht befriedigend sein. Andererseits, wer soll mich denn wieder in diese bequeme
Position nach oben bringen? 36 Sekunden, so stell ich mir das immer vor, nur mehr 36 Sekunden, dann ist es so weit. Doch die Zahl ist wie ich, sie bewegt sich nicht, kein Stück, kein klitzekleines bisschen. Dabei wäre es so einfach. Wie weit der Wind mich wohl trägt, wenn ich ein Stück nach vor rutsche und die Schanze hinunterfliege?

Jürgen Hirschmann

 

Es ist triest. Die Rolläden des Hauses nebenan sind zu, das Gebäude war schon lange bevor er hier stand verlassen. Nur selten kam jemand des Weges. Doch Beachtung? Nein, die wurde dem Waldkieferstrauch nur selten zuteil. Etwa dann, wenn es darum ging, eine leere Bierdose in seinen Schoß zu werfen oder Zigaretten darin auszumachen. Er stand trotzdem immer tapfer wie ein Wächter seinem Freund, dem Verkehrszeichen, zur Seite. Gewiss, sie sprachen nicht viel miteinander. Aber bedarf es für eine tiefe Freundschaft nicht mehr der einfachen Gesten als der vielen Worte? Stille.

Jürgen Hirschmann

Vor die Tür gesetzt – Wanderer

Vor die Tür gesetzt – Geschwister

Mit beiden Beinen steht er auf dem Boden aus Stein,
er ist so stolz darauf, der Große zu sein.
Mit gemischten Gefühlen sieht er zu seinem Bruder, dem Kleinen,
der dünner ist, niedlicher und mit Blättern, so feinen.
Der immer ist erhaben, der immer steht im Rampenlicht –
der große Bruder, der tut das nicht.
Doch auch wenn der Große sich fühlt wie abgeschoben,
sagt er stets zum Kleinen: „Du bist bei mir aufgehoben.“
Denn Geschwisterpflanzen, wer weiß das nicht, die lieben und die hassen sich.

Kathrin Brüggemann