Vor die Tür gesetzt – Wächter

Nein, ich trau mich nicht. Zu hoch, zu steil, zu weit. Und ob ich fliege, das kann mir keiner garantieren. Obwohl, ständig hier oben herumzulungern und über das Fliegen nachzudenken, das kann doch auf Dauer nicht befriedigend sein. Andererseits, wer soll mich denn wieder in diese bequeme
Position nach oben bringen? 36 Sekunden, so stell ich mir das immer vor, nur mehr 36 Sekunden, dann ist es so weit. Doch die Zahl ist wie ich, sie bewegt sich nicht, kein Stück, kein klitzekleines bisschen. Dabei wäre es so einfach. Wie weit der Wind mich wohl trägt, wenn ich ein Stück nach vor rutsche und die Schanze hinunterfliege?

Jürgen Hirschmann

 

Es ist triest. Die Rolläden des Hauses nebenan sind zu, das Gebäude war schon lange bevor er hier stand verlassen. Nur selten kam jemand des Weges. Doch Beachtung? Nein, die wurde dem Waldkieferstrauch nur selten zuteil. Etwa dann, wenn es darum ging, eine leere Bierdose in seinen Schoß zu werfen oder Zigaretten darin auszumachen. Er stand trotzdem immer tapfer wie ein Wächter seinem Freund, dem Verkehrszeichen, zur Seite. Gewiss, sie sprachen nicht viel miteinander. Aber bedarf es für eine tiefe Freundschaft nicht mehr der einfachen Gesten als der vielen Worte? Stille.

Jürgen Hirschmann

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