Vor die Tür gesetzt – Hochstapler

 

GO WEST!

“Nur noch ein kleines Stück! Ein winziger Zentimeter!” Aufgeregt schüttelte Bäumchen seine kleinen vertrockneten Blätter und bohrte die dünnen Wurzeln noch tiefer in die ausgelaugte Erde. “Nicht so fest!”, grummelte Blumentopf und kniff Bäumchen in die Füße. “Hört auf zu streiten”, ermahnte Steinklotz seine beiden Weggefährten. Doch wer den alten Griesgram ein wenig kannte, der hörte in seiner Stimme ein ungewohntes Zittern: Nach all den Jahren schien das Paradies zum Greifen nahe …

Unzählige Jahre waren vergangen, seitdem sich Steinklotz, Blumentopf und Bäumchen auf dem grauen Asphalt getroffen hatten. Drei verlorene Seelen auf endloser Wanderschaft, vom Schicksal zusammengeführt: Einsam, entwurzelt und vertrieben, auf der Suche nach einer Heimat jenseits des Halteverbots – und auf der verzweifelten Flucht vor den allpräsenten Verbotsschildern, die ihnen ein Leben in angstvoller Ruhelosigkeit bescherten. „Irgendwo, im Westen“, erzählte Steinklotz, „dort soll es ein Schild geben, das stärker ist als sie alle! Das Schild der Hoffnung, unter dem Klötze, Kübel und Kameraden sich zur Ruhe betten können und ein neues Zuhause finden!“ In jener lauen Sommernacht schmiedeten die drei einen Plan: „Lasst uns zusammen weitergehen und nach dem König der Schilder suchen!”

Nicht eher wollten sie rasten, bis sie das Schild der Befreiung erreicht hatten. Sonnenglut, Eis und Sturm konnten sie nicht aufhalten: Millimeter für Millimeter kämpfte sich das ungleiche Trio den unbarmherzigen Asphalt entlang; watete durch tiefe Pfützen und umschiffte heldenhaft jede Baustelle. Schon längst waren aus den Verbündeten enge Freunde geworden: Sobald einer nicht mehr weiterkonnte, wurde er von den anderen getragen. Nach Jahren der Wanderung war ihre Kraft nun schon fast am Ende – doch plötzlich, eines Morgens, funkelte ein Silberstreif am Horizont. „Ich kann es sehen! Und es ist wunderschön“, rief Blumentopf und riss seine Gefährten aus ihrer Lethargie. Nun sah es auch Steinklotz: Ein fernes Glitzern in der Morgensonne. Der Könige der Schilder? Oder doch nur eine Fata Morgana …?

Hunger, Durst und Müdigkeit waren verflogen. „Nur noch ein kleines Stück“, sagte Bäumchen, das es sich ganz oben auf dem Ausguck bequem gemacht hatte. „Sieh nur, ich mache mich auch ganz leicht!“ Mit einem letzten Akt der Anstrengung sammelte Steinklotz alle Kraft, die seinem alten Körper noch innewohnte. Ächzend trotzte er ein letztes Mal der bleiernen Schwerkraft – und streift mit einem dumpfen Klacken, das einem triumphalen Freudenschrei gleichkam, mit einer moosbewachsenen Ecke das kühle Metall des Schildes. Ein tiefer Seufzer der Erleichterung entfuhr dem grauen Kasten, während Blumentopf auf seinem Rücken einen kleinen übermutigen Luftsprung machte. Das Bäumchen klang wieder so jung wie damals, als ihre gemeinsame Reise begann: “Endlich, Freunde! Endlich sind wir angekommen!“

Wiebke Leßmann

 

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